Konfirmationspredigten 2008

Es gab Abweichungen zwischen Manuskript und Predigt.
Es gilt – wie immer – das gesprochene Wort.
Typfehler mögen bitte verziehen werden.

Gleidorf

Ansprache zu Jesaja 61, 10

Ich freue mich im HERRN,
und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott!



Liebe Lisa, liebe Sarah, lieber Alessandro,
liebe Konfirmationsgäste und liebe Gemeinde!

„Wie geht es Dir?“ - „Es geht so.“ „Weiß nicht.“ „Ich denke, ganz gut.“ Die Antworten auf diese Frage nach dem Wohlergehen kennen Sie – und kennt ihr. Nicht nur, weil Menschen uns so die von uns gestellte Frage beantworten, sondern weil wir selber oft so ausweichend antworten.

Dafür gibt es gute Gründe. Sagen wir anderen, es gehe uns schlecht, ist ein wahres Gespräch im Grunde zu Ende, auch wenn der andere aus Höflichkeit nachfragt, was uns denn Kummer machen würde. In Wahrheit will der andere traurige Nachrichten nicht hören, es sei denn, er hofft auf jene Stelle, bei der er uns in die Rede fallen kann: „Genauso ergeht es mir auch. Weißt Du, ich wollte es Dir schon immer sagen ...“

Sagen wir, es ginge uns gut, dann haben wir Angst vor dem Neid des Fragenden. Oder wir fürchten die Nachfrage, warum es denn – um alles in der Welt – uns gut ginge.

Und es gibt die dritte Möglichkeit, dass wir in Wahrheit wirklich nicht wissen, wie es uns geht. Wir sind zu sehr damit beschäftigt zu tun, was andere von uns wünschen an Gedanken, Taten, Gefühlen, dass Raum für uns selbst nicht bleibt.

Ich kenne Eure Tanten nicht. Aber vielleicht habt Ihr auch so eine Tante, die zu Euch als 14-jährige sagt: „Na mein Schätzchen, hast Du denn Deine Tante auch lieb? Du bist ja so goldig. Und ich hab Dir auch was mitgebracht.“ Und ihr seid fast positiv überrascht, dass sie dann nicht das Malbuch zückt, sondern – o Wunder – eine Pumuckl-Kassette.

Diese Tante ist überzeichnet, auch wenn ich selber so eine hatte. Aber sie macht deutlich, was ihr tagtäglich erlebt: Da wird Euch gesagt, was ihr zu sagen habt, zu denken habt, zu tun habt. Und ihr habt die Wahl: Ihr macht mit und verleugnet Euch selbst, oder ihr sagt, wie es wirklich in Euch aussieht, und dann ist Hängen im Schacht. „Nein, Deine immer so blöden Geschenke darfst Du behalten.“ Da wär was los.

Doch mir geht es heute morgen nicht in erster Linie um Euren Tanten, Onkels, Nachbarn und so weiter. Mir geht es um Euch. Und darum, dass ich noch einmal erzählen möchte von dem einen, der es ganz ehrlich mit Euch meint.

Denn da ist einer, dem dürft Ihr ins Gesicht schreien. „Ich hasse Dich. Du bist blöd. Du hast mich im Stich gelassen.“ Und er schimpft nicht mit Euch, streicht nicht das Taschengeld und startet auch keine große Mobbing-Aktion. Er sieht Euch einfach traurig an, weil er den Schmerz sieht hinter Euer Wut oder Trauer oder Verzweiflung. Er versteht Euch und lässt Euch nicht fallen, auch wenn ihr mit ihm nicht klar kommt.

Und wenn ihr kommt, und bittet und bettelt, dann gibt er nicht an den falschen Stellen nach, weil er einfach seine Ruhe haben will, den Krimi gucken oder die ebay-Auktion nicht verpassen will. Er sieht den großen Plan und versucht, es gut mit euch zu machen, auch wenn ihr dann nicht aufhört zu quengeln und zu betteln.

Und wenn ihr völlig fertig seid und Euch ihm in die Arme schmeißt, hält er Euch ganz fest. Wenn ihr freudig ihm dankt, dann ist er nicht nachtragend und hält Euch keines Eurer ungerechten Verurteilungen nachträglich vor.

Es ist klar, dass ich mit diesen Bildern nicht Eure Eltern beschreibe und auch nicht Euren Pastor. Wir sind alle Menschen, und wir handeln oft - allzu oft menschlich. Aber Gott ist so! - Ich weiß nicht, was Ihr aus der Zeit des Konfirmanden-Unterrichtes mitnehmt. Aber ich weiß, was ich mir wünsche. Ich wünsche mir, dass ihr gehört habt, dass unser Gott ein lebendiger, ein weiser und ein barmherziger Gott ist. Ihr könnt ihn loben, ihr könnt ihn anklagen; ihr könnt eure Gebete stotternd vorbringen, gar nicht wissend, um was ihr bittet; ihr könnt in wohlüberlegten Sätzen beten; Ihr könnt sein Dasein leugnen oder ihn loben für kleine oder große Wunder. Er hält all das aus. Denn er liebt Euch, liebt uns. Wenn ihr das wisst, dann nehmt Ihr mit, was ich mir erhoffe. Und wenn ihr spürt, dass man Gott nur auf eine Art und Weise abweisen kann, nämlich indem man ihn einfach vergisst, dann war der Unterricht und Eure Gottesdienstbesuche nicht umsonst.

Natürlich bin ich im Grunde meines Herzens nicht so bescheiden. Natürlich wäre ich glücklicher, wenn Ihr Euch freut darüber, dass Gott ja zu Euch sagt. Wenn ihr fröhlich dankt und jubelt, weil Ihr seine Nähe und Liebe spürt. Aber das sind meine ganz menschlichen Wünsche. Ich glaube, er ist schon froh, wenn Ihr hin und wieder mit ihm sprecht, egal ob dankbar oder anklagend. Denn es wäre allemal mehr, als die meisten getauften Menschen aufzubringen bereit sind.

Und wenn Ihr am Ende dieses heutigen Tages, in einem kleinen stillen Moment einen kurzen Satz zu Gott schickt – mag dieser nun dankbar oder ärgerlich sein – dann ist Euer Weg mit Gott mit der Konfirmation nicht zu Ende, sondern beginnt erst.

Gott ist nicht wie die Tante, die man mit Schmeicheleien verwöhnen muss, weil man sonst erhebliche Nachteile davon hätte. Sondern Gott ist eher wie einer jener guten Freunde, die man heutzutage so selten findet. Er steht zu uns, was für einen Schrott wir auch erzählen. Und er haut uns heraus, wenn wir uns so richtig in den Mist geritten haben.

Dieses Bild habe ich mir nicht ausgedacht. Ihr findet es wieder in dem Evangelium, dass wir vorhin gehört haben. Und ihr findet es wieder in jenem einen Psalm, denn Ihr auswendig können müsst: Der Herr ist mein Hirte.

Sie, liebe Festtags-Gemeinde, sind vielleicht ein wenig enttäuscht. „Er hätte doch mahnen müssen, dass die Jugendlichen auch in Zukunft in die Kirche gehen, und das sie die 10 Gebote halten und so.“ Liebe Gemeinde, die meisten Menschen unserer Stadt wurden getauft und haben sich konfirmieren bzw. firmen lassen. Pfarrerinnen und Pfarrer – auch ich in den letzten 15 Jahren – haben den einen oder anderen Appell in diese Richtung losgelassen. Aber – beherzigen tut es kaum jemand. Wieviele von unseren Festtagsgemeindegliedern kommen regelmäßig in die Kirche oder halten sich bei Börsenspekulationen und dem Ringen um einen besseren Job an die 10 Gebote? Wie kann ich es wagen, von den Jugendlichen etwas zu fordern, was wir Erwachsenen nicht beachten? - Aber wenn ich die Jugendlichen ermutige, mit Gott zu reden, dann haben wir alle etwas davon. Die Jugendlichen entdecken in Gott einen Begleiter, der zu ihnen steht, treu, ehrlich, gütig, geduldig. Und wir alle gewinnen in unseren Jugendlichen Menschen, denen echte Werte etwas bedeuten, Werte, denen Katastrophen und Egoismus nichts anhaben können. Und ist es nicht das, was wir uns ersehnen? Ein Leben, das es wieder verdient, Leben genannt zu werden? Ein Leben, in dem gelacht und geweint wird, gesungen und geklagt, getanzt und geschwiegen?

Ob die Jugendlichen heute abend beten: „Ich freue mich im HERRN, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott!“ oder Gott eher etwas Kritisches sagen: Wenn unsere drei Jugendlichen nicht aufhören, mit Gott zu reden, haben wir alle was davon. Und dann ist dieser Tag Pfingstfest und Reformationsfest zugleich, ein Freudenfest. Und es spielt keine Rolle, ob kleinliche menschliche Berechnungen aufgehen oder nicht.

Amen.



Schmallenberg

Ansprache zu Psalm 68, 4

Die Gerechten freuen sich und sind fröhlich vor Gott
und freuen sich von Herzen!



Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,
liebe Eltern,
liebe Festgemeinde!

Der Bibelvers über der Anzeige hat bei Ihnen und Euch wahrscheinlich Stirnrunzeln verursacht. Gerechte Menschen freuen sich und sind fröhlich? Ist es – mindestens im 21. Jahrhundert – nicht ganz anders?

Wenn ich gerecht bin, z.B. als Lehrer, habe ich viel mehr Mühe und Arbeit als wenn ich Noten und Beurteilungen mal eben aus dem Bauch heraus abgebe. Und wenn jemand mich fragt, ob ich denn richtig entschiede habe, dann denke ich als Gerechter noch einmal nach. - Wenn ich aus dem Bewusstsein heraus entscheide: „Was ich gesagt habe, habe ich gesagt. Und es ist richtig, selbst wenn es falsch wäre.“ dann habe ich es leichter im Leben. - Und das gilt nicht nur für Lehrer, sondern genauso für Arbeitgeberinnen, Politiker, Eltern, Geschwister.

Ich versuche – wie manch andere -, gerecht zu sein – und erlebe, wie schwer es ist. Man will nicht die Falschen bestrafen, aber man will sich auch nicht von den Querulanten auf der Nase herumtanzen lassen. Eigentlich hätte Eure Gesamtgruppe ein deutliches Zeichen verdient. Aber wer ist es, der das deutliche Zeichen hätte zu spüren bekommen müssen? Da gibt es die einen, die sind schwierig, weil sie es schwer haben. Das kann man ja verstehen. Dann gibt es die anderen, die bewundernswerte Radfahrer sind: Oben ganz ruhig und unschuldig, unten aber treten. Die hätten ein Zeichen gebraucht. Aber reicht es, eine Ahnung zu haben, dass sie es sind? Dann gibt es die dritten, die darunter leiden mussten, dass die ersten beiden Gruppen nicht zurechtgewiesen wurden. Dabei hätten die am meisten Schutz verdient. Dann gibt es die ganz Cleveren, die in die Rolle springen, die gerade das bequemste Leben verspricht. Und – nicht zu vergessen – gibt es die, die immer alles abbekommen.

Wer sich da um Gerechtigkeit bemüht, hat ganz schön zu knabbern – egal wie unvollkommen die Ergebnisse beim Bemühen um Gerechtigkeit ausfallen. Also könnte man denken: die Menschen sind blöd, die sich um Gerechtigkeit bemühen.

Dem möchte ich widersprechen und Euch diesen Gedanken mit auf Euren Weg geben: Wer sich bemüht, einem Menschen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, wer sich damit bemüht, einem anderen Menschen gerecht zu werden, der lernt etwas über andere Menschen, lernt aber auch etwas über sich selbst und beginnt eine erste Ahnung davon zu bekommen, wie sehr Gott an uns Menschen leidet und wie sehr er uns liebt.

Der erste Gedanke ist leicht zu verstehen. Wenn ich einen Menschen nicht nur danach beurteile, in wie weit er meinen eigenen Interessen dient, sondern ihn zu verstehen suche, tauche ich ein wenig in sein Leben ein, sehe – wenn auch nur wage – das Leben mit seinen Augen, bekomme eine Ahnung für seine Gefühle. Damit eröffnet sich mir ein anderes Leben, eines, das anders ist als meins. Mit jedem Menschen, in den ich mich einfühle, bekommt mein Bild von dieser Welt eine neue Farbe. Wenn ich also mich darum bemühe, einem anderen gerecht zu werden, werde auch ich beschenkt, beschenkt mit Leben.

Der zweite Gedanke ist auch nicht viel schwieriger. Wenn ich ein vergleichbares Ereignis betrachte, einmal mit meinen Augen, einmal mit Augen eines anderen, dann entdecke ich bei mir, wo ich Wege gefunden habe, gut zu leben. Und ich entdecke zugleich, an welchen Stellen ich mir immer selber im Wege stehe. Und wenn ich will, kann ich es mal mit einer anderen Lebensweise probieren, mit einer, die ich bei einem anderen Menschen entdeckt habe. Es ist dann wie bei einem Archäologen. Wir legen Schicht für Schicht von unserem Selbst frei, indem wir wegwischen, was Tradition und eigene Ängste an Schutt auf uns abgeladen haben. Wenn ich einen anderen zu verstehen suche - ihm gerecht zu werden versuche, verstehe ich auch mich besser und kann mir eher gerecht werden.

Der dritte Gedanke scheint schwerer zu sein. Gottes Liebe entdecken und seinen Weg mit uns verstehen, indem ich anderen Menschen versuche gerecht zu werden?

Zwei Wahrheiten, die durch ihre ständige Wiederholung platt geworden zu sein scheinen:
Gott liebt jeden Menschen. Und:
Gott sieht ins Herz.

Innerlich haben sie bestimmt genickt. „Haben wir schon gehört.“

Nun stellen Sie sich vor, wie schwer es uns schon wird, jemanden gerecht zu beurteilen, sobald wir uns ein wenig in ihn hinein fühlen. Dabei hat unsere Gabe zur Empathie enge Grenzen. Gott sieht viel tiefer. Er weiß, welches Leid und welche Ängste einen Menschen geprägt haben. Natürlich sieht er auch den Egoismus des Menschen, den übrigens auch jeder Mensch hat, auch der Aufopferungsvollste. Wenn Gott abwägen soll: Verdient hat keiner von uns Gottes Beistand. Denn jede/r von uns hat negative Anteile. Aber weil er jeden Menschen liebt, versucht er bei jedem Menschen auch das Verständnis in die Waagschale zu werfen, das Verständnis dafür, warum ein Mensch so wurde, wie er ist. Wer nie versucht hat, einen anderen Menschen zu verstehen, der kann Gott nicht begreifen. Wer aber selber dieses Ringen um Gerechtigkeit kennt, wenn man einen anderen Menschen beurteilt, der bekommt eine Ahnung für Gottes Not mit uns Menschen.

Wer das Leben nur in schwarz weiß kennt, wird lachen und spotten. Erst wer die Farbe kennt, weiß sie zu schätzen – und mag sie dann nicht mehr missen.

Deshalb gilt: Wer um Gerechtigkeit bemüht ist, dem steht die Welt viel mehr offen, als jenem, der in seinen Gedanken nur um sich selbst kreist. Und während letzterer Stolz kennt und Spott, das Gefühl der Stärke und der Macht, (und sich als geborener Herrscher fühlt), kennt der um Gerechtigkeit Ringende wahre Gemeinschaft und die Gaben, die diesem Miteinander entspringen: das heitere Lachen und die von Herzen kommende Fröhlichkeit, die Freude und die Musik.

Darum:

Die Gerechten freuen sich und sind fröhlich vor Gott
und freuen sich von Herzen!

Amen.



Bad Fredeburg

Ansprache zu Prediger 2, 25:

Wer kann fröhlich essen und genießen
ohne Gott?



Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,
liebe Eltern,
liebe Festgemeinde!

Konfirmanden-Unterricht erscheint manchmal den Jugendlichen wie eine schwere Last. Sie wollen Spaß haben, den Stress aus der Schule und den Ärger, den es vielleicht zu Hause gab, vergessen. Musik hören, abhängen, schwatzen, vielleicht auch ein bisschen Unfug machen. Aber sie haben gar keine Lust auf Unterricht am Nachmittag oder sonntags früh aufzustehen und zum Gottesdienst zu gehen. Aber das ist der Preis für die Konfirmation. Wer etwas bekommen will, muss vorher auch etwas leisten. Und Ihr bekommt heute schließlich etwas. Mit Blick auf die Kirche seid ihr heute so etwas wie Erwachsene. Wenn ihr nachher zu Eurer Taufe „Ja“ gesagt habt, hat Eure Stimme in der Gemeinde genauso viel Gewicht, wie die irgendeines anderen Gemeindegliedes. Das bekommt Ihr heute. Und vielleicht gibt es ja auch noch ein paar Geschenke obendrauf von Euren Eltern, Paten, Angehörigen und Nachbarn.

Der Unterricht und die Gottesdienstbesuche als Leistung, die ihr erbringt, damit ihr heute belohnt werdet? Auch wenn rechnerisch Euer Stundenlohn dann besser wäre als von manchem Erwachsenen, der hart arbeitet – es ist die völlig falsche Sicht. Mir mindestens geht es weder darum, Euch einer harten Prüfung zu unterziehen, damit ich Euch anschließend attestiere, gute Erwachsene zu sein. Noch geht es mir darum, eine Tradition aufrecht zu erhalten als Legitimation, Geld und Güter in größerem Umfang zu verlagern.

Ich versuchte Euch etwas ganz anderes zu vermitteln – auch wenn manche von Euch gerade diese Botschaft weder hören noch begreifen wollten. Ihr wollt Spaß haben – sagte ich am Anfang. Ihr wollt ein schönes Leben haben. - Und ich möchte das auch für Euch! Ihr staunt vielleicht. „Warum haben sie uns dann immer unterbrochen bei dem, was wir tun wollten?“ So könnt Ihr fragen. Und wenn ihr so fragt, war die gemeinsame Zeit schon mal nicht ganz vergebens. Denn dann gebt ihr mir die Chance zu einer Antwort. Ich gebe sie Euch zweimal: Einmal kurz, „bitte ohne lange Geschichte, Herr Liedtke“ und einmal mit Erläuterung.

Antwort 1: Ich habe Euch unterbrochen, weil ich wollte und will, dass ihr ein gutes Leben habt nicht nur an den Stellen, an denen man Euch in Ruhe lässt. Ich möchte, dass Ihr eine kleine Chance bekommt, ein gutes Leben zu führen auch am Arbeitsplatz, in lebhaften Familiensituationen oder in Momenten von Not und Angst. Ich möchte, dass nicht nur der kleine Freiraum, den man Euch lässt, Euer Herz fröhlich macht. Denn dieser kleine Freiraum wird, je älter ihr werdet, immer kleiner.

Antwort 2 (die mit der Geschichte): Ich stelle mir Euren möglichen Lebenslauf vor. Abschluss der Schule. Suche nach einem Ausbildungsplatz. Es wird nicht genau das, was ihr Euch wünscht. In der Ausbildung der Frust: Das ist ja fast wie Schule – oder: Das ist ja noch schlimmer als Schule. Dann die Suche nach einem Arbeitsplatz. Der Wunschplatz ist weg, ihr müsst Kompromisse machen, umziehen, mit weniger Gehalt einverstanden sein, als ihr euch ausgerechnet habt. Am Anfang seid Ihr ein wenig umhätschelt, dann der Fußabtreter. Mühsam müsst Ihr euch Ansehen erarbeiten und die Achtung der Kollegen.

Inzwischen gibt es Stress zu Hause. Euer Ehepartner, den ihr gefunden habt, entwickelt Ecken und Kanten, von denen ihr vorher nichts ahntet. Und die Wunschkinder sind erst nervende Schreihälse, dann durchbohren sie jeden eigenen Gedanken oder die Stunde vor dem Fernseher mit der regelmäßigen Frage: „Mama, warum ...“ Dann erzählen sie gar nichts und ihr macht euch Sorgen. In der Pubertät werden sie rotzig und wenn man sich endlich erfreut an echter Gemeinsamkeit, ziehen sie aus oder sind nur noch mit den Gleichaltrigen zusammen.

Inzwischen ist im Job die ehemalige Begeisterung dem Trott des Alltags gewichen, Chancen auf eine Karriere kann man sich abschminken und die Hobbys hat man, angesichts des Stresses, längst an den Haken gehängt. Es tut auch schon mal was weh, ohne dass der Arzt einen tröstet mit dem Satz: „Das ist in ein paar Tagen vorbei.“ Eher kommt da der Satz: „Na ja, in ihrem Alter...“ Dann ist endlich die Rente erreicht. Anfangs voller Tatendrang, hütet man die Enkelkinder, später darf man froh sein für die Weihnachtskarte der Familie, die sich im Süden in der Sonne aalt, während man an das eigene Rheuma denkt und vielleicht für ein bisschen Sonne was übrig hätte. Aber bei der kleinen Rente.

Ich hoffe, keine von Euch wird genau so einen Lebenslauf haben. Aber Zeiten der Frage „Was habe ich eigentlich von meinem Leben?“ werden Euch nicht erspart bleiben. Und heutzutage in der Eiseskälte unserer Zeit fragen die Menschen immer früher nach dem Sinn – und wissen sich keine Antwort zu geben.

Aber ihr seid vielleicht besser dran. Denn ihr habt gehört, dass es da einen gibt, der sich all Eure Klagen und Sorgen anhört. Ihr habt gehört, dass er Euch liebt – ganz ohne Leistung (also anders als Eltern und Lehrer). Ihr habt gehört, dass Menschen, die es mit ihm versuchen, manchmal Antwort bekommen, Wege gezeigt bekommen oder ihnen Hilfe widerfährt. Und ihr habt gehört – wenn auch bestimmt noch nicht oft genug – dass er es mit diesem Leben nicht gut sein lässt. Er hat uns erst dieses Leben geschenkt. Wenn wir es meistern und es zu Ende geht, wird er uns zu sich holen und uns dann ein ganz anderes Leben schenken. Wenn ihr diese Botschaft aus Unterricht und Gottesdienst nicht nur im Ohr behaltet, sondern auch in Euren Gedanken und in Eurem Herz, dann müsstet ihr in jedem Moment eures Lebens spüren, dass ihr nicht allein seid. Und ihr bräuchtet nicht zu verzweifeln, denn er wird am Ende alles zurecht rücken.

Nicht allein und ohne Angst kann man das Leben erst wirklich genießen. Mit Gott in den Gedanken und dem Herz kann man Spaß haben, auch wenn man weder Traumberuf noch Wunschfamilie bekommen hat. Und selbst wenn mancher Gedanke an die Zukunft uns schreckt, schenkt Gottes Nähe uns doch den Raum, vorher fröhlich zu sein und das Leben zu genießen.

Um Euch diese Botschaft mitzugeben, habe ich versucht, Euch zu unterbrechen und Euch zu erreichen. Damit ihr das hört und es vielleicht auch begreift, haben wir vom Presbyterium Euch gezwungen, regelmäßig in die Kirche zu gehen. Nicht um Euch den Spaß zu verderben, sondern um Euch wahren Spaß am Leben erst zu ermöglichen.

Amen.